Differential-Galoistheorie ist die algebraische Theorie linearer
homogener gewöhnlicher Differentialgleichungen1. Analog zur
gewöhnlichen Galoistheorie ordnet man einer Differentialgleichung eine
Galoisgruppe zu, die sozusagen die Symmetriegruppe des Lösungsraumes
ist. Anders als im polynomialen Fall (siehe
z. B. [vdW53]) war die
Berechnung dieser Galoisgruppe zu einer gegebenen Differentialgleichung
ein lange ungelöstes Problem. Erst kürzlich wurde von E. Hrushovski
[Hru02]
ein Algorithmus entwickelt, der (wenigstens theoretisch) die Galoisgruppe einer
Differentialgleichung beliebiger Ordnung mit Koeffizienten in
bestimmt.
Dieser Algorithmus soll hier vorgestellt werden.
Differential-Galoistheorie.
Unser Grundkörper ist der rationale
Funktionenkörper
mit der üblichen Ableitung
(oder allgemeiner ein Differentialkörper der Charakteristik
Null2mit algebraisch abgeschlossenem Konstantenkörper).
Zu einer Differentialgleichung mit Koeffizienten
in
assoziieren wir einen
Erweiterungskörper
(ebenfalls mit Ableitung), die
sogenannte Picard-Vessiot-Erweiterung. Diese enthält eine Basis des
Lösungsraumes und ist in gewissem Sinne minimal mit dieser Eigenschaft,
ganz analog zum Zerfällungskörper eines Polynoms.
Wie findet man einen
solchen Körper? Denken wir uns unsere Differentialgleichung in Matrixform
mit einer
-Matrix mit Koeffizienten in
gegeben. Wir
adjungieren nun zum Grundkörper die
Unbekannten
(
)
und
, die als einzige Relation
erfüllen sollen. Auf dem so gewonnenen Ring
definieren wir eine Ableitung
durch
mit
. In diesem Ring besitzt unsere
Differentialgleichung (per Konstruktion!) eine Fundamentalmatrix und
damit
über dem Konstantenkörper linear unabhängige Lösungen. Im
allgemeinen ist dieser Ring aber noch zu groß. Deshalb betrachten wir
Ideale in
, die unter der Ableitung
in sich abgebildet werden (Differentialideale) und unter diesen ein maximales
Element
. Ein solches Ideal
besteht aus allen algebraischen Relationen
zwischen den Lösungen der Differentialgleichung.
Im Quotienten
hat die Gleichung immer noch
unabhängige Lösungen,
und die Relationen sind berücksichtigt. Zudem kann man nachweisen, dass
nullteilerfrei ist, und der Quotientenkörper
ist in der Tat eine
Picard-Vessiot-Erweiterung.
Die Differential-Galoisgruppe
ist nun die Gruppe aller Automorphismen von
,
die auf
trivial operieren und mit der Ableitung verträglich sind.
Im Sinne unserer
Konstruktion lässt sich das auch anders formulieren:
ist die grö"ste Untergruppe von
, die bei
Operation durch Multiplikation auf
(und damit auf
) das maximale
Differentialideal
stabilisiert. Daraus ersieht man zusätzlich, dass
als Untergruppe der
Zariski-abgeschlossen, also eine
lineare algebraische Gruppe ist.
Bevor wir uns der Berechnung dieser Gruppe zuwenden, sei noch bemerkt, dass
es für die Differential-Galoisgruppe und die Picard-Vessiot-Erweiterung eine
Galoiskorrespondenz ähnlich zu der im polynomialen Fall gibt.
Ausserdem ist im Falle einer algebraischen Picard-Vessiot-Erweiterung
auf Grund
der dann eindeutigen Fortsetzbarkeit der Derivation jeder Automorphismus von
über
verträglich mit der Derivation, so dass die
Differential-Galoisgruppe mit der gewöhnlichen Galoisgruppe
übereinstimmt. Die Differential-Galoistheorie ist damit eine natürliche
Verallgemeinerung der (endlichen) gewöhnlichen Galoistheorie auf transzendente
Erweiterungen.
Für eine kurze Einführung in die Differential-Galoistheorie sei auf [vdP99] verwiesen.
Die Vorgeschichte.
Wie eingangs erwähnt, ist die Frage nach der Berechenbarkeit der
Differential-Galoisgruppe
nicht neu. Vermutlich die erste Untersuchung dieses
Problems findet man in der Dissertation von F. Marotte [Ma98], in der
insbesondere Gleichungen vom Grad zwei, drei und vier betrachtet werden.
Der erste Schritt in Richtung eines praktisch anwendbaren Algorithmus wurde von
Kovacic in [Kov86] für unimodulare Differentialgleichungen der Ordnung
zwei gemacht (unimodulare Gleichungen sind solche, deren Galoisgruppe sogar in
liegt). Sein Algorithmus berechnet auch
die Lösungen; er basiert auf der Kenntnis der Untergruppen von
. Verschiedene Autoren haben im Anschluss
daran
Algorithmen zur Berechnung von Galoisgruppen der Ordnungen 3, 4 und 5 gegeben
(siehe [SvdP03], Chapter 4 für Referenzen).
Für die Berechnung von Galoisgruppen von Polynomen gibt es ein Verfahren (oft Stauduhar-Verfahren genannt), das auf der Kenntnis des Untergruppenverbandes der jeweiligen symmetrischen Gruppe und der Berechnung sogenannter relativer Invarianten beruht. Dies sind Relationen, die unter einer maximalen Untergruppe einer betrachteten Gruppe invariant sind, nicht aber unter der vollen Gruppe, und mit deren Hilfe sich die Galoisgruppe in einer Art Ausschlussverfahren bestimmen lässt.
In der Differential-Galoistheorie kannte man schon seit l"angerem
Methoden zur
Berechnung von rationalen Lösungen (das sind Lösungen im
Grundkörper) sowie von Lösungen
, deren logarithmische
Ableitung
im Grundkörper liegt.
Solche Lösungen werden
unter der Galoisoperation auf sich selbst bzw. auf skalare Vielfache abgebildet
und entsprechen deshalb eindimensionalen
-invarianten bzw.
-stabilen Unterräumen im Lösungsraum.
Im Prinzip sind die oben
genannten Algorithmen Versuche
die Idee des Stauduhar-Verfahrens mit Hilfe
-stabiler Unterr"aume auf
Differentialgleichungen kleinen Grades anzuwenden.
Da es in der
Gruppen
(z. B. die
multiplikative Gruppe
) gibt, die keine maximalen Untergruppen
besitzen, ist die Wirkungsweise solcher Verfahren sehr beschränkt.
Galois-stabile Unterräume.
Denken wir noch einmal an die Charakterisierung der Galoisgruppe durch das Ideal
. Als Ideal in einem noetherschen Ring ist dieses endlich erzeugt, und wenn
wir eine obere Schranke
an den Grad der Erzeuger kennen würden, könnten
wir die Galoisgruppe folgendermaßen bestimmen: Wir betrachten den Unterring von
bestehend aus allen Polynomen in den Variablen
vom Grad höchstens
.
Diese Polynome bilden einen endlichdimensionalen Vektorraum
über
, auf dem
operiert und den Unterraum
stabilisiert. Durch Bildung von
sogenannten symmetrischen Potenzen der Differentialgleichung und direkten Summen
davon (die als Lösungsraum die entsprechenden Potenzen bzw. Summen von
Potenzen des
ursprünglichen Lösungsraumes haben) kann aus der gegebenen Gleichung
eine neue konstruiert werden, auf deren Lösungsraum
gerade so operiert wie auf
. Da nach Wahl von
das Ideal
von
erzeugt wird, ist
sogar die größte
Untergruppe von
, die
stabilisiert. Durch Berechnung
geeigneter äußerer Potenzen der Differentialgleichung gelangt man zu einer
Gleichung, in deren Lösungsraum das Bild von
eine
-stabile Gerade ist,
und damit berechenbar.
Das Problem ist also, dass wir eine Schranke
nicht kennen.
Für bestimmte Gruppen lässt sich hier Abhilfe schaffen. In seiner
Dissertation hat E. Compoint [Com98] gezeigt, dass, falls
reduktiv ist, das Ideal
von Invarianten von
erzeugt wird. Für die
Invarianten reduktiver Gruppen existieren diverse Gradschranken, und in
[CS99] wird ein Verfahren angegeben, wie diese aus der
Differentialgleichung bestimmt werden können, was nach unseren
Vorüberlegungen einen Algorithmus zur Berechnung von
im reduktiven Fall
ergibt.
Wendet man die obige Vorgehensweise mit einem
an, das nicht die Eigenschaft
von
hat, und bestimmt man dann die größte Untergruppe
von
, die
den Unterraum
stabilisert, so ist diese Gruppe im allgemeinen echt
größer als
.
Hrushovskis Idee lässt sich nun ganz grob so beschreiben: Sein Verfahren
bestimmt zunächst ein
, für das sich der Fehler zwischen
und
kontrollieren lässt. Erstaunlich ist dabei, dass diese Hilfsschranke
nur von
abhängt, nicht aber von einer bestimmten
Differentialgleichung.
Beschränkt definierbare Familien.
Um Hrushovskis Idee besser verstehen zu können, müssen wir uns mit
bestimmten Familien von Untergruppen der
beschäftigen. Im
Koordinatenring der
(dem Ring
, den wir bereits kennengelernt haben)
gibt es zu jeder abgeschlossenen Untergruppe der
ein definierendes Ideal.
Wir nennen nun eine Familie
von Untergruppen der
beschränkt definierbar3, falls es eine
gemeinsame obere Schranke
gibt, so dass die definierenden Ideale aller
Elemente aus
von Polynomen vom Grad höchstens
erzeugt
werden.
Beispiele für solche Familien lassen sich leicht geben:
Die Familie aller Bilder der additiven Gruppe
in
ist
beschränkt definierbar, da jede solche Gruppe Bild einer nilpotenten
-Matrix unter der Exponentialfunktion ist. Daraus kann man folgern, dass
auch die Familie der unipotent erzeugten Untergruppen der
beschränkt
definierbar ist. Aber natürlich haben nicht alle
Familien diese Eigenschaft: Die Familie der Bilder der multiplikativen
Gruppe
in
zum Beispiel ist nicht beschränkt
definierbar,
da es zu jedem
die Einbettung
,
gibt.
Die oben erwähnte Familie der unipotent erzeugten Untergruppen der
ist recht groß. Der Quotient einer beliebigen abgeschlossenen Untergruppe
von
nach der maximalen unipotent erzeugten Untergruppe
hat als
Zusammenhangskomponente einen Torus. Dies deutet bereits darauf hin, dass
sich Untergruppen der
durch Elemente beschränkt definierbarer Familien
gut approximieren lassen. Präzise wird das in dem folgenden Satz.
Abgesehen von ähnlich einfachen Beispielen beschränkt definierbarer Familien
wie oben
geht in den Beweis dieses Satzes die Existenz einer sogenannten
Jordan-Schranke ein: Dies ist eine von
abhängige Zahl
mit der
Eigenschaft, dass jede endliche Untergruppe der
einen abelschen
Normalteiler vom Index höchstens
besitzt (siehe z. B. [Sin81]).
Zu
und
betrachten wir die Menge
aller Zariski-abgeschlossenen Teilmengen von
,
die durch Polynome vom Grad höchstens
definiert sind
(wobei der Grad bezüglich einer Dualbasis von
gemeint ist).
Damit definieren wir die Familie
Der Schlüssel zu Hrushovskis Verfahren ist nun der nächste Satz, der
Satz
für die Berechnung nutzbar macht:
Der Algorithmus.
Gegeben sei eine Differentialgleichung mit Koeffizienten in
.4Wir können nun den Algorithmus von Hrushovski formulieren:
Wie man die
-stabilen Unterräume im 2. Schritt findet, haben wir bereits
oben geklärt. Der 3. Schritt besteht aus der Berechnung der
Zusammenhangskomponente einer algebraischen Varietät und der Bestimmung einer
algebraischen Lösung der in Schritt 2 berechneten Gleichungen.
Im 4. Schritt ist die Berechnung des Bildes von
in
gefragt. Wir
wissen bereits, dass es sich bei diesem Bild um einen Torus handelt. Um diesen
Torus zu bestimmen, muss man im Wesentlichen alle Elemente der
Picard-Vessiot-Erweiterung berechnen, deren logarithmische Ableitungen in
liegen. Methoden hierfür findet man z. B. in [CS99]. In Schritt 6 wird
ähnlich wie in Schritt
3 verfahren; der letzte Schritt verwendet schließlich die
Berechenbarkeit der Operation der endlichen Gruppe
.
Hrushovskis Ziel war es einen allgemeinen Algorithmus anzugeben; über die Laufzeit vermutet er, dass sie höchstens doppelt exponentiell ist. Eine wirklich praktikable und implementierbare Version des Algorithmus zu entwickeln ist sicher eines der Projekte, die in der algorithmischen Differential-Galoistheorie demnächst anzugehen sind.
Abschließend bleibt noch zu bemerken, dass die Arbeit von Hrushovski Begriffe der Logik verwendet. Alle Aussagen wurden hier in die Sprache der kommutativen Algebra übertragen. Trotzdem sollte der interessierte Leser die entscheidenden Stellen in der Originalarbeit wiederfinden können.