Das Programm GeoGebra hat in der vergangenen Zeit für viel Aufsehen gesorgt. Wir möchten in dieser Ausgabe des Computeralgebra-Rundbriefs zunächst den Autor selbst zu Wort kommen lassen. In der nächsten Ausgabe werden wir dann GeoGebra sowohl aus der Sicht der Computeralgebra als auch der dynamischen Geometrie näher betrachten. Teilen Sie uns dazu auch bitte Ihre Erfahrungen mit GeoGebra an kortenkamp@math.tu-berlin.de mit.
Dynamische-Geometrie-Software
(DGS) und Computeralgebrasysteme (CAS) haben den
Mathematikunterricht verändert. GeoGebra ist eine neue Software
für die Schule, die versucht, die Möglichkeiten von DGS und CAS
miteinander auf bidirektionale Weise zu verbinden. In diesem Artikel
wird darauf eingegangen, warum eine solche Verbindung sinnvoll ist und
wie diese aussehen kann.
Vergleich
Dynamische-Geometrie-Software und Computeralgebrasysteme sind aus dem Mathematikunterricht nicht mehr wegzudenken und ihr Einsatz wird inzwischen auch in den Lehrplänen gefordert:
Mathematiknahe Technologien wie Computeralgebrasysteme,
dynamische Geometrie-Software [...] sind im heutigen
Mathematikunterricht unverzichtbar. (AHS-Oberstufenlehrplan
für Österreich 2004).
Da GeoGebra auf Ideen dieser beiden Softwaretypen basiert, werden ihre grundlegenden Eigenschaften im Folgenden zunächst verglichen.
Dynamische Geometrie
Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von DGS, die sich in ihrer
Ausrichtung und ihrem Funktionsumfang teilweise beträchtlich
unterscheiden. Einige prominente Vertreter sind Cabri, Cinderella,
Geometer's Sketchpad sowie Euklid Dynageo. Trotz aller Unterschiede
haben alle diese Systeme zwei wichtige Eigenschaften gemeinsam:
den Zugmodus und
die Konzentration auf die geometrische bzw. grafische Repräsentation
mathematischer Objekte.
Der Zugmodus unterscheidet ein DGS von einem bloßen Zeichenprogramm
und bietet durch die Dynamik der grafischen Darstellung einen echten
Mehrwert gegenüber Papier und Bleistift. Die grafische
Repräsentation steht bei allen DGS stark im Vordergrund;
typischerweise können auf einem Zeichenblatt mit der Maus
Konstruktionen erstellt und dynamisch variiert werden.
Computeralgebra
Auf Seiten der CAS sind unter anderem Derive, Mathematica, Maple und
MuPad für die Schule zu nennen. Die Unterschiede hinsichtlich der
Funktionalität und Bedienung der einzelnen Programme sind enorm.
Als grundlegende gemeinsame Eigenschaften sollen hier nur die
folgenden beiden Punkte festgehalten werden:
symbolisches Rechnen und
die Konzentration auf die algebraische und numerische Repräsentation
mathematischer Objekte.
Beim symbolischen Rechnen ist für die Schule beispielsweise das
Finden der Ableitung oder des Integrals einer Funktion sowie das
Lösen von Gleichungen wichtig. Die algebraische Seite der Mathematik
steht bei einem CAS stets im Mittelpunkt. Dies zeigt sich auch daran,
dass die Eingabe mittels algebraischer Ausdrücke, Zahlen und
Befehle erfolgt.
Unterschiede
Mathematische Objekte sind nicht direkt, sondern nur über
Repräsentationen zugänglich: ... there is no other way of
gaining
access to the mathematical objects but to produce some semiotic
representations. [1].
DGS und CAS haben in diesem Sinne unterschiedliche Sichtweisen auf
mathematische Objekte, da sie von einer geometrischen
bzw. algebraischen Repräsentation ausgehen.
Ein weiterer wichtiger Unterschied zwischen diesen beiden Softwaretypen betrifft die Dynamik: Den CAS fehlt meist ein Pendant zum Zugmodus. Sie erlauben zwar häufig die grafische Darstellung von Gleichungen und Funktionen; diese kann jedoch üblicherweise nicht direkt beeinflusst werden. Selten gibt es in CAS eine dynamische Kopplung von Parametern und grafischer Darstellung (z.B. in LiveMath). Für diesen Zweck wird in der Schule daher gerne auf Tabellenkalkulationen zurückgegriffen.
Umgekehrt bieten DGS keine bis wenige Möglichkeiten der direkten Eingabe von Gleichungen oder des symbolischen Rechnens. Es können zwar Gleichungen und Koordinaten angezeigt werden; eine direkte Manipulation derselben ist aber kaum möglich.
Eine Verbindung
Warum und wie?
Es liegt nahe darüber nachzudenken, die beiden Softwaretypen für
den Einsatz im Mathematikunterricht zu verbinden [5,6]. Dabei stellen sich aus meiner Sicht zwei Fragen:
Die Verbindung mehrerer Repräsentationen bringt also Vorteile für
das Verständnis von Mathematik. Dabei ist aber natürlich nicht ein
bloßes Nebeneinander, sondern ein Miteinander entscheidend: Wichtig
sind die übergänge von der einen in die andere
Repräsentation. Ein System, das DGS und CAS verbindet, sollte daher
den Wechsel zwischen geometrischer und algebraischer Repräsentation
ermöglichen und zwar am besten in beide Richtungen, also
bidirektional.
Bidirektionale Verbindung
Diese Art der Verbindung geht deutlich über eine bloße Koppelung
eines DGS mit einem CAS hinaus. Es geht also nicht bloß darum eine
technische Schnittstelle zwischen diesen beiden Welten zu definieren,
sondern neue Möglichkeiten zu schaffen.
Bereich 1: Ein Kreis kann in einem DGS dynamisch konstruiert und seine Gleichung angezeigt werden.
Bereich 2: Ein Kreis kann in einem CAS mit Hilfe seiner Gleichung eingegeben und als statisches Bild dargestellt werden.
Bereich 3: Ein Kreis kann mit Hilfe seiner Gleichung eingegeben und dynamisch mit der Maus verschoben werden.
Ein System, das alle drei Bereiche abdeckt, erlaubt damit einen
bidirektionalen Wechsel zwischen Kreisbild und Kreisgleichung. In
diesem Fall werden dazu im Bereich 3 die Möglichkeiten des CAS um
die Dynamik des Zugmodus erweitert.
Die eierlegende Wollmilchsau
Ein solches Programm kann und muss dabei nicht sämtliche
Möglichkeiten von DGS und CAS umfassen. Wie gesagt geht es eher um
neue Möglichkeiten des Nebeneinanders und des Wechsels zwischen den
verschiedenen Repräsentationsformen. Dafür eignen sich nicht alle
Funktionen eines DGS bzw. CAS gleich gut.
Wie ein solches System konkret aussieht, hängt natürlich von
vielen Designentscheidungen ab: Wie soll die Benutzeroberfläche
aussehen? Welche Grundobjekte soll es geben? Welche Operationen sollen
mit diesen Grundobjekten möglich sein? Welche Konsequenzen ergeben
sich daraus für den Bereich der neuen Möglichkeiten?
GeoGebra
GeoGebra steht für dynamische Geometrie und Algebra und stellt eine
Realisierung eines solchen bidirektionalen Systems dar. Im Folgenden
soll auf einige Designentscheidungen bei der Entwicklung von GeoGebra
eingegangen werden.
KISS-Prinzip
KISS ist ein Akronym und steht für Keep it small and
simple!, was soviel bedeutet wie Gestalte es einfach und
überschaubar!.
Dieses aus der Informatik stammende Prinzip war und ist eine zentrale
Leitidee bei der Entwicklung von GeoGebra. Als Unterrichtssoftware
soll das System möglichst einfach zu bedienen sein, damit
Schülerinnen und Schüler auch selbst damit Mathematik entdecken
können. Die Verwendung einer Mathematiksoftware erfordert neben
mathematischem Wissen natürlich auch Wissen über die Bedienung der
Software selbst. Diese zusätzliche Hürde sollte daher möglichst
klein gehalten werden.
In GeoGebra orientiert sich die algebraische Eingabe nahe an der
Schulnotation. Eine Gerade kann als
, ein Kreis als
und eine Funktion als
eingegeben werden. In den CAS sind üblicherweise alle Befehle nur
auf Englisch verfügbar. GeoGebra verwendet Befehlsnamen in der
aktuell eingestellten Sprache der Benutzeroberfläche.
Algebrafenster und Zeichenblatt
Eine im Mathematikunterricht verwendete Software beeinflusst auch die
Art, wie Schülerinnen und Schüler Mathematik sehen und betreiben
[4]. GeoGebra bietet daher zwei parallele
Repräsentationen der mathematischen Objekte: ein Algebrafenster und
ein Geometriefenster.
Grundobjekte
Die Grundobjekte eines DGS sind gewöhnlich Punkte, Geraden,
Strecken, Vielecke, Kreise und manchmal auch allgemeine
Kegelschnitte. In GeoGebra gibt es zusätzlich auch Vektoren (DGS
kennen teilweise nur Pfeile, aber keine Vektoren). An Grundobjekten
aus dem CAS-Bereich wurden Zahlen (bzw. Parameter), Winkel,
polynomiale Gleichungen 1. und 2. Grades (für Geraden und
Kegelschnitte) und später Funktionen implementiert.
Operationen
Entscheidend für den Bereich der neuen Möglichkeiten (Abb. 1,
Bereich 3) sind natürlich die Operationen auf diesen
Grundobjekten. Ein CAS kann Kegelschnittgleichungen zwar darstellen
(implicit plot), es weiß
jedoch nicht, dass es sich bei einer
solchen Gleichung um einen Kegelschnitt handelt. In GeoGebra werden
eingegebene Gleichungen klassifiziert und als Gerade oder Kegelschnitt
erkannt. Damit sind nun geometrische Operationen für diese erkannten
Objekte möglich: Schneiden mit anderen Objekten, Drehen, Spiegeln,
Verschieben, Bestimmung von Mittelpunkt, Scheitel, Hauptachsen usw.
Umgekehrt kann mit geometrischen Objekten wie Vektoren und Punkten
gerechnet werden. Der Mittelpunkt einer Strecke
könnte also als
oder
bestimmt werden. Auf weitere besondere Operationen wird weiter unten
eingegangen.
Konsequenzen
Durch die Festlegung der Grundobjekte müssen diese
eindeutig unterschieden werden. Stellt beispielsweise das
Koordinatenpaar
einen Punkt oder einen Vektor dar? GeoGebra
löst dies durch folgende Konventionen: Punkte haben Groß- und
Vektoren Kleinbuchstaben als Namen. Es liefert daher
einen
Punkt und
einen Vektor. Ein namenloses Koordinatenpaar ist
ein Punkt, und um einen namenlosen Vektor zu erhalten, gibt es den
Befehl Vektor[(3,2)]. Der Befehl Gerade[(1,1), (3,2)]
liefert damit eine Gerade durch die Punkte
und
. Mit
Gerade[(1,1),Vektor[(3,2)]] erhält man hingegen eine Gerade durch
den Punkt
mit Richtung
).
Ein ähnliches Unterscheidungsproblem gibt es bei der Parabel
. Handelt es sich hierbei um einen Kegelschnitt oder um eine
Funktion in
? Dies macht deshalb einen Unterschied, weil ein
Kegelschnitt beispielsweise gedreht werden kann, eine Funktion aber
nicht. Umgekehrt kann eine Funktion differenziert oder integriert
werden, ein Kegelschnitt jedoch nicht. Kurz: mit Kegelschnitten sind
andere Operationen möglich als mit Funktionen. Wieder wird dies in
GeoGebra durch eine Konvention gelöst: Eine Funktion wird als
oder nur
geschrieben. Eine polynomiale Gleichung zweiten
Grades in
und
wie etwa
wird als Kegelschnitt
interpretiert.
Neue Möglichkeiten
GeoGebra bietet im Wesentlichen alle Funktionen eines DGS und kann
natürlich auch wie ein solches zum Konstruieren verwendet werden. Im
Folgenden soll jedoch auf die neuen Möglichkeiten durch die
Einführung der Bidirektionalität eingegangen werden.
Analytische Geometrie
Die ersten Versionen von GeoGebra [3] waren vor allem
für den Einsatz im Bereich der analytischen Geometrie
prädestiniert. Als interessante neue Möglichkeiten sind hier vor
allem die Untersuchung von Zusammenhängen zwischen Parametern und
geometrischer Figur zu nennen.
Ein Beispiel ist die Bedeutung der Parameter
und
in der
Parabelgleichung
. In einem MathView-Arbeitsblatt
beeinflusst eine Veränderung von
oder
auch den Plot der Parabel
dynamisch [2]. Ein solches Arbeitsblatt kann auch mit
GeoGebra erstellt werden, wobei die Veränderung der Parameter in
GeoGebra auch mittels Pfeiltasten kontinuierlich möglich ist.
GeoGebra ermöglicht nun auch eine bidirektionalen Untersuchung einer
Parabelgleichung: Geht man etwa von der Parabel
aus, so
kann diese sowohl durch Veränderung ihrer Gleichung als auch durch
Ziehen ihrer geometrischen Darstellung mit der Maus verändert
werden. Es sind also beide Repräsentationen direkt beeinflussbar.
Zusätzlich bietet GeoGebra auch geometrische Befehle, die ein CAS
nicht kennt, die für den Einsatz in der Schule aber sehr hilfreich sein
können: der Befehl Scheitel[par]
liefert etwa den Scheitelpunkt der
Parabel und kann Ausgangspunkt für eine Untersuchung der
Zusammenhänge zwischen Scheitelpunkt und Parabelgleichung sein.
Dynamische Analysis
Anfangs beschränkten sich die symbolischen Fähigkeiten von
GeoGebra auf die Polynomvereinfachung zur Bestimmung der Normalform
von Kegelschnitten. Damit wird etwa die Gleichung
intern in
umgewandelt und als Gerade erkannt. Dies
ermöglicht die Eingabe von Geraden und Kegelschnittsgleichungen in
beliebiger Form.
Mit der Version 2.0 wurde das neue Grundobjekt Funktion in
eingeführt und damit das Tor zur Welt der dynamischen Analysis
aufgestoßen. Auch für Funktionen gilt nämlich der bidirektionale
Ansatz: So ist es möglich den Graphen einer Funktion mit der Maus
zu ziehen oder mit den Pfeiltasten zu verschieben, wobei gleichzeitig
die algebraische Repräsentation dynamisch verändert wird.
Seit Anfang dieses Jahres ermöglicht GeoGebra auch die symbolische
Berechnung von Ableitungen und Integralen. Lässt man sich nun die
Ableitung oder das Integral einer Funktion
anzeigen, so werden diese
abhängigen Funktionen beim Ziehen von
mit der Maus dynamisch
verändert. Diese neue Möglichkeit nenne ich dynamisches
Differenzieren bzw. Integrieren. Da in GeoGebra alle Parameter aller
Befehle dynamisch abhängig sind, kann sogar die Ordnung einer
Ableitung über einen Zahlparameter oder eine Streckenlänge
dynamisch verändert werden.
Eine wichtige Anwendung von CAS in der Schule ist das Lösen
einfacher Polynomgleichungen. Die geometrische Entsprechung dazu sind
Schnittoperationen bzw. die Nullstellenbestimmung von Polynomen. Das
Schneiden von Geraden und/oder Kegelschnitten war in GeoGebra von
Anfang an möglich. Für Funktionen wurden diese Schnittoperationen
mit der aktuellen Version 2.4 realisiert. Die Befehle Nullstelle,
Extremum und Wendepunkt erlauben zusammen mit dem Zugmodus für
Funktionen eine dynamische Kurvendiskussion (Abb. 3).
Weitere Besonderheiten
Eine Besonderheit von GeoGebra ist die grafische Darstellung
bestimmter Zahlenwerte. Beispielsweise wird die Steigung einer Geraden
als Steigungsdreieck oder das bestimmte Integral einer Funktion als
Fläche zwischen
-Achse und Funktionsgraph automatisch
visualisiert. Unter- und Obersummen werden durch Rechtecke dargestellt
und können im Hinblick auf Funktion, Intervallgrenzen und Anzahl der
Rechtecke dynamisch verändert werden (Abb. 4).
Das interaktive, dynamische Konstruktionsprotokoll ermöglicht die
schrittweise Wiederholung einer Konstruktion, das nachträgliche
Einfügen von Konstruktionsschritten an beliebiger Stelle und sogar
das ändern der Konstruktionsreihenfolge.
Mit GeoGebra können übrigens auch dynamische Arbeitsblätter
für einen Internet-Browser erstellt werden. Solche Arbeitsblätter
sind besonders dann nützlich, wenn die Schülerinnen und Schüler
mit der Bedienung der Software noch nicht so vertraut sind. Beispiele
für solche dynamischen Arbeitsblätter sind auf der Homepage von
GeoGebra zu finden: www.geogebra.at.
Technisches
GeoGebra wurde von Grund auf neu in Java entwickelt. Die Software
arbeitet weitgehend numerisch. Für symbolisches Differenzieren,
Integrieren und Termvereinfachungen (simplify, expand, factor)
wurde die JSCL (Java Symbolic Computing Library) in GeoGebra
integriert. Für den EPS Export wird das Java EPS Graphics2D Package
und für die Darstellung von LaTeX Formeln der Viewer HotEqn
verwendet. GeoGebra ist open source und damit frei verfügbar nach
der GNU General Public License.
Rück- und Ausblick
Die Entwicklung von GeoGebra wurde im Zuge meiner Diplomarbeit
begonnen und wird derzeit im Rahmen einer Dissertation im Bereich
Mathematikdidaktik an der Universität Salzburg fortgeführt. Dieses
Dissertationsprojekt wird von der österreichischen Akademie der
Wissenschaften gefördert. GeoGebra hat bereits mehrere
Bildungssoftware-Preise gewonnen: European Academic Software Award
2002 (Ronneby, Schweden), L@rnie Award 2003 (Wien), digita 2004
(Köln) und Comenius 2004 (Berlin).
Durch den Einsatz der frei verfügbaren Software in Schulen und viele
anregende Rückmeldungen von Lehrern wird die Funktionalität von
GeoGebra ständig erweitert. Dabei wird großes Augenmerk darauf
gelegt, bei allen Neuerungen Dynamik und Bidirektionalität zu
ermöglichen. GeoGebra verbindet die Möglichkeiten von DGS und CAS
in einer neuen Art und Weise, die hoffentlich zu einem
verständlichen Mathematikunterricht beiträgt.